Drei Leben.
Ein Volk.
Arbeiterin. Königin. Drohn. Drei Lebenswege der Honigbiene – und ein gemeinsames Leben im Bienenvolk.
Etwas lebt im Dunkeln
Im Dunkel eines Bienenstocks leben zehntausende Körper so eng beieinander, dass aus vielen Einzelnen etwas Eigenes entsteht.
Ein Volk.
Tausende Flügel bewegen die Luft in seinem Inneren. Tausende Muskeln halten seine Brut warm. Es speichert den Sommer in Waben und trägt seine Zukunft in winzigen Eiern.
Drei Gestalten bestimmen dieses Leben.
Eine wird arbeiten, bis ihre Flügel verschleißen.
Eine wird die Zukunft Ei für Ei in die Zellen legen.
Einer wird hinausfliegen, um sein Erbgut weiterzugeben – und kann im Augenblick seines Erfolges sterben.
Arbeiterin. Königin. Drohn.
Drei Körper. Drei Bestimmungen. Ein gemeinsames Leben.
Lebenslauf einer Honigbiene
Akte Apis mellifera, Arbeiterin, geboren zum Dienst am Volk

Ich werde nicht alt. Ich werde gebraucht.
Hinweis zur Zählweise: Tag 0 ist die Eiablage. Tag 21 ist der Schlupf als fertige Arbeiterin. Danach zählt mein sichtbares Berufsleben im Bienenstaat. Alle Tagesangaben beziehen sich auf die Zeit seit diesem winzigen Ei.
Mein Anfang: 21 Tage bis zur Arbeiterin
Tag 0: Die Königin legt mich als winzigen weißen Stift in eine vorbereitete Zelle. Noch sehe ich nicht aus wie eine Heldin. Aber ab jetzt läuft die Uhr des Volkes.
Tag 1 bis 3: Im Ei beginnt meine Entwicklung. Von außen wirkt alles still, doch in mir startet die erste Verwandlung.
Tag 3: Ich schlüpfe aus dem Ei, aber noch nicht als Biene. Ich bin eine blinde, hungrige Larve.
Tag 3 bis 6: Ich bekomme Futtersaft von Ammenbienen. Ja, auch ich als spätere Arbeiterin bekomme am Anfang diesen kostbaren Start. Aber nur kurz.
Tag 6 bis 9: Meine Nahrung wird zunehmend Arbeiterinnenkost aus Honig, Nektar, Pollen und Bienenbrot. Hier trennt sich mein Weg von dem einer Königin.
Tag 9: Meine Zelle wird verdeckelt. Die Tür fällt zu. Dunkelheit, Wärme, Umbau. Kein Zurück.
Tag 10 bis 20: Als Puppe werde ich vollständig umgebaut. Beine, Flügel, Fühler, Facettenaugen und Stachel entstehen. Aus Hilflosigkeit wird Funktion.
Tag 21: Nach genau 21 Tagen seit dem winzigen Ei nage ich mich frei. Nicht als Prinzessin. Als Arbeiterin.
Mein beruflicher Werdegang
Die Aufgaben können sich je nach Zustand des Volkes überlappen. Dies ist der klassische Sommerlebenslauf einer Arbeiterin.
Tag 21 bis 23 nach der Eiablage: Reinigungskraft im Brutnest
Kaum geschlüpft, beginne ich mit Arbeit. Ich putze meine eigene Zelle und danach die der anderen. Jede saubere Zelle ist ein neuer möglicher Anfang.
Tag 24 bis 31 nach der Eiablage: Ammenbiene und Herstellerin von Gelée royale
Jetzt ernähre ich die Zukunft. In meinen Futtersaftdrüsen und Mandibeldrüsen im Kopf produziere ich Futtersaft. Dafür nutze ich vor allem Eiweiß aus Pollen und Bienenbrot, Kohlenhydrate aus Honig oder Nektar, Wasser und meinen eigenen Stoffwechsel. Alle jungen Larven bekommen anfangs davon. Eine künftige Königin bekommt ihn dagegen dauerhaft, reichlich und in besonderer Qualität, und als erwachsene Königin wird sie weiter von Arbeiterinnen damit versorgt. Ich trage keine Krone. Aber ich stelle den Stoff her, der eine Krone möglich macht.
Tag 32 bis 37 nach der Eiablage: Baubiene, Lagerarbeiterin und Honigmacherin
Meine Wachsdrüsen arbeiten. Ich schwitze winzige Wachsplättchen aus meinem Körper und baue mit meinen Schwestern die sechseckige Stadt des Volkes. Gleichzeitig nehme ich Nektar an, gebe ihn weiter, reiche ihn erneut weiter, reichere ihn mit Enzymen an und helfe, Wasser zu entziehen. Menschen nennen das Honig. Für uns ist es Winterenergie.
Tag 38 bis 41 nach der Eiablage: Wächterin am Flugloch
Jetzt stehe ich am Eingang des Reiches. Jede, die hinein will, muss an mir vorbei. Ich prüfe Geruch, Herkunft und Gefahr. Fremde Bienen, Wespen, Hornissen und Räuber lernen schnell: Mein Stachel ist mein letztes Argument.
Ab dem 42. Tag nach der Eiablage: Flugbiene, Sammlerin und Kundschafterin
Jetzt kommt der Himmel. Ich fliege hinaus in eine Welt aus Licht, Wind, Blüten, Duft und Risiko. Ich finde Nektar, Pollen, Wasser und Propolis. Wenn ich eine gute Quelle entdecke, kehre ich zurück und tanze. Im Schwänzeltanz codiert mein Körper Richtung, Entfernung und Qualität der Beute.
Wenn die alte Königin ein neues Haus braucht
Manchmal wird das Volk zu groß. Dann beginnt die größte Operation meines Lebens: Schwärmen. Die alte Königin verlässt mit einem Teil des Volkes den Stock. Aus Chaos wird ein Umzug mit zehntausenden Flügeln.
Ich kann dabei Kundschafterin sein. Ich suche Baumhöhlen, Hohlräume und geschützte Plätze. Ich prüfe Größe, Trockenheit, Eingang und Sicherheit.
Dann kehre ich zurück und tanze für meinen Fund. Andere Kundschafterinnen prüfen nach, stimmen zu und tanzen mit. So entsteht eine Entscheidung ohne Chefetage: durch Schwarmintelligenz. Wenn genug von uns überzeugt sind, führen wir die alte Königin in ein neues Zuhause.
In diesem Moment bin ich nicht nur Biene. Ich bin Pfadfinderin, Maklerin und Umzugshelferin eines fliegenden Staates.
Besondere Fähigkeiten
Ich kann Gelée royale beziehungsweise Futtersaft in meinen Kopfdrüsen herstellen und damit Larven sowie die Königin versorgen.
Ich kann Nektar zu Honig verarbeiten, indem ich ihn weitergebe, mit Enzymen anreichere und Wasser entziehe.
Ich kann Wachs aus meinem eigenen Körper produzieren und daraus Waben bauen.
Ich kann mich an Sonnenstand, Landschaft, Geruch und Erfahrung orientieren.
Ich kann mit dem Schwänzeltanz Richtung, Entfernung und Qualität einer Quelle weitergeben.
Ich kann das Brutnest wärmen, den Stock belüften und das Volk verteidigen.
Größte Erfolge
Ich habe die 21 Tage vom Ei über Larve und Puppe bis zur Arbeiterin überlebt.
Ich habe Brut ernährt, bevor sie wusste, dass sie lebt.
Ich habe Gelée royale hergestellt, diesen Stoff, der eine Königin möglich macht.
Ich habe Waben gebaut, Honigvorräte angelegt und Pflanzen bestäubt.
Ich habe als Kundschafterin daran mitgewirkt, dass eine alte Königin mit ihrem Schwarm ein neues Haus findet.
Ich habe mein Volk versorgt, geschützt und vermehrt, obwohl mein Sommerleben nur wenige Wochen dauert.
Risiken im Berufsalltag
Draußen lauern Regen, Kälte, Hitze, Spinnen, Vögel, Autoscheiben, Pestizide, Hunger und Erschöpfung. Drinnen drohen Varroamilben, Viren, Futtermangel, Räuberei und der Verlust der Ordnung.
Ich habe keinen Urlaub. Keine Rente. Keinen Feierabend. Ich habe eine Aufgabe.
Lebensende und Vermächtnis
Nach etwa sechs Wochen Sommerleben sind meine Flügel ausgefranst. Mein Körper ist verbraucht. Vielleicht kehre ich eines Tages nicht zurück. Kein Grab. Kein Denkmal. Nur ein Platz weniger im Summen.
Menschen sehen oft nur das Glas Honig. Sie sehen nicht die 21 Tage bis zu meinem Schlupf, nicht den Futtersaft aus meinem Kopf, nicht die Tänze im Dunkeln und nicht die zerrissenen Flügel am Ende. Ich bin klein genug, um übersehen zu werden. Aber wichtig genug, dass ohne mich eine ganze Welt ärmer wäre.
Jetzt kommt
der Himmel.

Lebenslauf einer Bienenkönigin
Von der Larve im Überfluss zur Mutter eines ganzen Volkes

Persönliches Profil
Ich beginne wie jede andere Biene: als winziges Ei. Nicht größer, nicht goldener, nicht königlicher. Mein späterer Rang entsteht nicht durch mein Ei, sondern durch die Art, wie ich gefüttert werde.
Während andere Larven nur kurz Futtersaft bekommen und dann auf eine Mischung aus Honig, Nektar, Pollen und Bienenbrot umgestellt werden, werde ich kompromisslos anders behandelt. Ich bekomme Gelée royale – reichlich, dauerhaft und mein ganzes Leben lang. Während meiner Larvenzeit lässt mich diese besondere Nahrung zur Königin heranwachsen. Auch nach dem Schlüpfen werde ich von den Arbeiterinnen meines Hofstaats weiter damit gefüttert. Aus einer gewöhnlichen weiblichen Larve wird dadurch eine Königin, die ihr ganzes Leben von ihren Töchtern abhängig bleibt.
Mein Körper wird nicht für Sammelflüge gebaut. Er wird für Nachkommen gebaut. Ich werde größer, schwerer, langlebiger und fruchtbarer als meine Schwestern. Meine Aufgabe ist brutal einfach und zugleich gewaltig: Ich muss ein Volk in die Zukunft legen, Ei für Ei.
Mein Anfang, Tag für Tag
Tag 0: Die Königin legt mich als befruchtetes Ei in eine nach unten geöffnete Weiselzelle. Noch unterscheidet mich nichts von einer künftigen Arbeiterin.
Tag 1 bis 3: Im Ei beginnt meine Entwicklung. Von außen ist nur ein winziger weißer Stift zu sehen. Im Inneren entsteht mein erster Körper.
Tag 3: Ich schlüpfe als Larve. Von nun an werde ich ohne Unterbrechung mit Gelée royale versorgt: zunächst von Ammenbienen während meiner gesamten Larvenzeit und auch nach dem Schlüpfen von Arbeiterinnen meines Hofstaats.
Tag 4 bis 8: Ich wachse in meiner großzügigen Weiselzelle schneller als eine Arbeiterinnenlarve. Die dauerhafte königliche Kost verändert meinen Körper: Eierstöcke und Fortpflanzungsorgane entwickeln sich vollständig.
Etwa Tag 8: Meine Zelle wird verdeckelt. Im Dunkeln beginne ich mich zu verpuppen. Aus der weichen Larve entsteht eine Königin mit Flügeln, Fühlern, Facettenaugen und langem Hinterleib.
Tag 9 bis 15: Mein Körper wird vollständig umgebaut. Während Arbeiterinnen noch Tage länger in ihren Zellen bleiben, nähert sich meine Entwicklung bereits dem Ende.
Tag 16: Nach nur 16 Tagen seit der Eiablage öffne ich meine Weiselzelle und schlüpfe. Ich bin schneller fertig als eine Arbeiterin und ein Drohn. Doch mit meinem Schlupf beginnt erst der Kampf um meinen Platz.
Beruflicher Werdegang
Tag 16: Schlüpfen in eine gefährliche Welt. Wenn mehrere junge Königinnen im Volk entstehen, beginnt ein stiller Machtkampf. Eine Kolonie braucht normalerweise nur eine regierende Königin. Rivalinnen können getötet werden, bevor sie überhaupt frei sind. Mein erster Auftrag ist nicht Repräsentation. Mein erster Auftrag ist Überleben.
Etwa Tag 20 bis 25: Orientierungsflüge und Hochzeitsflug. Ich verlasse den Stock nicht zum Sammeln, sondern für einen einzigen entscheidenden Abschnitt meines Lebens. Auf Drohnensammelplätzen treffe ich Drohnen aus der Umgebung. In der Luft paare ich mich mit mehreren von ihnen. Sie sterben dabei. Ich kehre mit einem Vorrat an Spermien zurück, der für Jahre reichen kann.
Ab etwa Tag 26: Beginn der Eiablage. Jetzt wird aus mir das Zentrum des Volkes. Ich lege befruchtete Eier für Arbeiterinnen und neue Königinnen und unbefruchtete Eier für Drohnen. Zu Hochzeiten kann meine Tagesleistung beeindruckend hoch sein. Mein Hinterleib wird zur Produktionslinie des Bienenstaates.
Meine Herrschaft ist kein Befehlssystem. Ich gebe keine Arbeitsanweisungen. Mein Königinnenpheromon signalisiert: Ich bin da, das Volk ist geordnet, die Fortpflanzung ist gesichert. Meine Töchter spüren mich, pflegen mich, füttern mich, führen mich und verbreiten meinen Duft im Stock.
Besondere Fähigkeiten
- Ich kann aus einem befruchteten Ei hervorgehen und durch die dauerhafte Fütterung mit Gelée royale zu einem völlig anderen Leben heranwachsen als eine Arbeiterin.
- Ich kann mich bei wenigen Hochzeitsflügen mit mehreren Drohnen paaren und deren Spermien in meiner Samenblase über Jahre speichern.
- Ich kann entscheiden, ob ich ein Ei befruchte: Aus befruchteten Eiern entstehen Arbeiterinnen oder Königinnen, aus unbefruchteten Eiern Drohnen.
- Ich kann mit Duftstoffen die soziale Ordnung des Volkes stabilisieren.
- Ich kann bei Schwarmstimmung mit einem Teil des Volkes ausziehen und so die Vermehrung des gesamten Bienenstaates ermöglichen.
- Ich kann mehrere Jahre leben, während eine Sommerarbeiterin oft nur wenige Wochen durchhält.
Meine größten Erfolge
Ich habe aus einem einzigen Körper ein Volk entstehen lassen. Nicht symbolisch, sondern buchstäblich. Ei für Ei, Wabe für Wabe, Generation für Generation.
Ich habe tausende Töchter hervorgebracht: Ammen, Baubienen, Wächterinnen, Sammlerinnen, Kundschafterinnen. Ich fliege nicht zu den Blüten, aber durch meine Töchter reicht mein Wirken über Kilometer in die Landschaft hinaus.
Ich habe geholfen, ein neues Volk zu gründen. Wenn der Stock zu voll wird und die Schwarmstimmung steigt, wird meine Eiablage reduziert, mein Körper wird flugfähiger, und schließlich verlasse ich mit tausenden Arbeiterinnen das alte Zuhause. Kundschafterinnen suchen den neuen Wohnort. Ich bin das lebende Herz, das sie mitnehmen.
Ich habe überlebt, obwohl meine Stellung nie selbstverständlich ist. Wird meine Leistung schwächer, zieht das Volk eine Nachfolgerin heran. Eine Königin ist mächtig, aber niemals unantastbar.
Risiken im königlichen Alltag
Mein Leben ist länger als das einer Arbeiterin, aber nicht sicherer. Ich kann beim Hochzeitsflug von Vögeln gefressen werden, mich verirren oder nicht zurückkehren. Ich kann schlecht begattet werden, verletzt werden oder vom Volk ersetzt werden.
Ich bin abhängig von meinen Töchtern. Sie füttern mich, putzen mich, wärmen mich, beschützen mich und führen mich. Ohne sie bin ich keine Herrscherin. Ohne sie bin ich ein einzelnes Insekt mit großem Hinterleib und kurzer Zukunft.
Vermächtnis
Menschen nennen mich Königin und stellen sich Krone, Macht und Befehle vor. Die Wahrheit ist anders. Ich bin kein Monarch im menschlichen Sinn. Ich bin ein lebendes Fortpflanzungsorgan des Volkes, getragen von Fürsorge, Duft und Erwartung.
Ich wurde nicht geboren, um frei zu sein. Ich wurde geboren, um ein Volk zu werden.
Ihr Himmel
war kurz.
Lebenslauf einer Drohne
Geboren ohne Vater, geschaffen für einen einzigen Flug mit tödlichem Ausgang

Persönliches Profil
Ich bin der, über den im Bienenvolk gern gelächelt wird: groß, rundlich, laut, ohne Stachel, ohne Pollenhöschen, ohne Honigkarriere. Ich putze keine Zellen, füttere keine Larven und verteidige kein Flugloch.
Aber wer mich nur für einen Mitesser hält, versteht das Bienenvolk nicht. Ich bin kein Arbeiter. Ich bin eine fliegende genetische Botschaft. Mein Auftrag ist nicht Alltag. Mein Auftrag ist Fortpflanzung.
Ich entstehe aus einem unbefruchteten Ei. Das heißt: Ich habe eine Mutter, aber keinen Vater. Meine Gene stammen direkt aus der Königin. Biologisch bin ich eine riskante, laute und energiehungrige Investition in die nächste Generation.
Mein Anfang, Tag für Tag
Tag 0: Die Königin legt mich als unbefruchtetes Ei in eine größere Drohnenzelle. Ich habe eine Mutter, aber keinen Vater.
Tag 1 bis 3: Im Ei beginnt meine Entwicklung. Mein einfacher Chromosomensatz trägt nur das Erbgut der Königin.
Tag 3: Ich schlüpfe als Larve. Ammenbienen füttern mich. Ich wachse schnell und brauche mehr Platz als eine Arbeiterin.
Tag 4 bis 10: Ich fresse, wachse und fülle meine geräumige Zelle aus. Mein künftiger Körper wird groß, kräftig und auf den Flug zur Königin ausgerichtet.
Etwa Tag 10: Meine Zelle wird mit einem deutlich gewölbten Deckel verschlossen. Unter ihm beginnt die Verpuppung.
Tag 11 bis 23: Im Dunkeln entstehen meine großen Facettenaugen, kräftigen Flugmuskeln, Flügel und Fortpflanzungsorgane. Einen Stachel bekomme ich nicht.
Tag 24: Nach 24 Tagen seit der Eiablage nage ich mich aus der Zelle. Ich bin eine erwachsene Drohne, aber noch nicht geschlechtsreif. Dafür brauche ich weitere Tage im Schutz des Volkes.
Beruflicher Werdegang
Tag 24 bis etwa Tag 35: Jungdrohne im Stock. Ich werde versorgt, gefüttert und geduldet. Ich kann mich nicht selbst sinnvoll ernähren wie eine Arbeiterin und bin auf die Vorräte und die Pflege im Volk angewiesen. Meine Hauptarbeit findet noch nicht statt. Mein Körper reift.
Ab etwa der zweiten Lebenswoche als erwachsene Drohne: Flugtraining und Ausflüge. Ich verlasse den Stock nicht, um Nektar zu holen. Ich fliege zu Drohnensammelplätzen, unsichtbaren Treffpunkten im Himmel, an denen Drohnen aus vielen Völkern auf junge Königinnen warten.
Mein Körper ist für diesen Moment gebaut. Meine großen Facettenaugen helfen mir, Königinnen im Flug zu erkennen. Meine Flugmuskeln tragen mich in die Luft. Mein Sinn ist nicht Überleben. Mein Sinn ist Trefferquote.
Wenn ich mich mit einer Königin paare, endet mein Leben sofort. Mein Begattungsorgan wird herausgerissen, ich stürze ab und sterbe. Das klingt grausam. Für eine Drohne ist es der größtmögliche Erfolg.
Besondere Fähigkeiten
- Ich entstehe aus einem unbefruchteten Ei und trage dadurch nur den einfachen Chromosomensatz meiner Mutter weiter.
- Ich habe keinen Stachel und kann das Volk nicht verteidigen.
- Ich sammle keinen Nektar, keinen Pollen und kein Propolis.
- Ich besitze besonders große Augen, um Königinnen im Flug zu erkennen.
- Ich kann auf Drohnensammelplätzen mit vielen anderen Drohnen auf junge Königinnen warten.
- Ich kann beim Begattungsflug meine Gene an eine Königin weitergeben und damit zukünftige Völker beeinflussen.
- Ich kann im Stock Wärme erzeugen und verbrauche dabei allerdings auch Vorräte.
Meine größten Erfolge
Ich bin Teil der genetischen Strategie des Volkes. Ohne Drohnen keine Begattung, ohne Begattung keine leistungsfähigen Königinnen, ohne Königinnen keine neuen starken Völker.
Ich verbinde Völker miteinander. Eine junge Königin paart sich nicht mit ihren eigenen Brüdern im Stock, sondern draußen in der Luft mit Drohnen aus der Umgebung. So wird genetische Vielfalt in die nächste Generation getragen.
Wenn ich erfolgreich bin, überlebe ich meinen Triumph nicht. Mein Tod ist kein Betriebsunfall. Er ist der Preis der Fortpflanzung. Während Arbeiterinnen sich für das Volk abarbeiten, zahle ich meinen Beitrag in einem einzigen Moment.
Und selbst wenn ich nie eine Königin erreiche, war ich nicht sinnlos. Meine bloße Anwesenheit zeigt, dass das Volk genug Kraft hat, in Fortpflanzung zu investieren. Drohnen sind Luxus, Risiko und Zukunft in einem.
Das Ende der Saison
Im Frühjahr und Sommer werde ich geduldet, gefüttert und gebraucht. Doch wenn die Tracht nachlässt und der Winter näher rückt, verändert sich der Ton im Volk.
Dann beginnt die Drohnenschlacht. Arbeiterinnen treiben uns aus dem Stock, lassen uns nicht mehr an die Vorräte, zerren uns vom Flugloch weg. Für den Winter sind wir zu teuer. Wir sammeln nicht, wir heizen nicht genug, wir füttern keine Brut. Der Superorganismus rechnet kalt.
Wer nicht vorher beim Hochzeitsflug stirbt, endet oft draußen vor dem Stock. Verhungert, erschöpft, ausgeschlossen. Nicht aus Bosheit, sondern weil ein Bienenvolk überlebt, indem es keine Sentimentalität kennt.
Risiken im Drohnenleben
Ich kann beim Flug von Vögeln gefressen werden, mich erschöpfen, eine Königin nie erreichen oder am Ende der Saison aus dem Stock geworfen werden. Mein Leben ist bequem, bis es plötzlich nicht mehr bequem ist.
Ich habe keinen Stachel, keine Verteidigung, keine Karriereleiter und keine zweite Aufgabe. Ich bin spezialisiert. Und Spezialisierung ist im Bienenvolk immer gefährlich.
Vermächtnis
Menschen sehen in mir oft den Faulenzer des Stocks. Sie sehen den dicken Körper, den lauten Flug, den Appetit. Sie sehen nicht den biologischen Auftrag dahinter.
Ich bin die Wette des Volkes auf die Zukunft. Ich bin kein Sammler und kein Soldat. Ich bin ein fliegender Erbgutträger mit Ablaufdatum.
Mein Leben hat nur wenige mögliche Enden. Das härteste ist, ausgestoßen zu werden. Das größte ist, im Flug zu sterben, genau in dem Moment, in dem meine Gene weiterleben.
Erfolg ist
Weitergabe.

Das Volk bleibt
Die Arbeiterin stirbt nach einem Leben aus Arbeit und Flug. Die Königin kann Jahre leben und wird doch eines Tages ersetzt. Der Drohn gibt die Zukunft weiter oder endet mit dem Sommer.
Keines dieser Leben trägt allein den Sinn des Ganzen.
Ein Bienenvolk ist mehr als die Summe seiner Tiere. Es wärmt sich, ernährt sich, erinnert sich an Wege, erneuert seine Körper und überdauert in Generationen.
Im Winter rücken die Arbeiterinnen eng zusammen. In der Traube erzeugen ihre Muskeln Wärme. Langsam wandert das Volk durch seine Vorräte.
Wenn die Tage wieder länger werden, beginnt die Königin erneut zu legen. Neue Arbeiterinnen schlüpfen. Später entstehen neue Drohnen. Vielleicht zieht das Volk neue Königinnen auf und teilt sich.
Keine einzelne Biene kennt den ganzen Plan. Und doch entsteht aus Geruch, Berührung, Nahrung, Wärme, Tanz und tausend kleinen Entscheidungen ein gemeinsames Leben.
Die einzelne Biene vergeht.
Das Volk bleibt.
Philipp Ballier
Philipp Ballier ist Imker. Gemeinsam mit seinem Sohn Johannes betreibt er eine Hobbyimkerei in Kassel. Ihre gemeinsame Arbeit verbindet die genaue Beobachtung der Bienenvölker mit der Frage, wie sich Natur so erzählen lässt, dass Wissen, Staunen und Verantwortung zusammenfinden.